Geiger jubelt auf dem Podium über den zweiten Platz. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Daniel Karmann/dpa)

Im fast leeren Skisprungstadion feierten die Volunteers den Silber-Coup von Karl Geiger. «Karle, Karle», riefen sie solange, bis der deutsche WM-Zweite vom Siegerpodest fröhlich in Richtung der Tribünen winkte.

Ausgerechnet in seinem Schanzen-Wohnzimmer hat der Allgäuer wieder mal auf den Punkt seine absolute Spitzenleistung abgerufen. «Das war wirklich brutal», kommentierte der völlig fassungslose Geiger seinen Erfolg in Oberstdorf. «Ich bin echt sprachlos. Das habe ich nicht kommen sehen.»

Auch Bundestrainer Stefan Horngacher war begeistert. «Wir sind alle überglücklich, dass wir beim ersten Wettkampf eine Medaille gewonnen haben», sagte er in der ARD. «Der Karl ist super gesprungen. Der zweite Sprung war eine richtige Bombe.» Geiger sprang am Schattenberg 103,5 und 102 Meter weit von der Normalschanze. «Besser kann es nicht laufen», sagte Horngacher. Kumpel Markus Eisenbichler war ebenfalls hellauf begeistert und nannte Rang zwei «voll geil».

Der 28 Jahre alte Geiger musste sich nur dem Weltmeister Piotr Zyla aus Polen geschlagen geben. Bronze holte der Slowene Anze Lanisek. Zuvor hatten es die deutschen Springerinnen, Kombinierer und Langläufer bei der lange herbeigesehnten Nordischen Skiweltmeisterschaft dahoam in acht Entscheidungen nicht auf das Podest geschafft.

Für Geiger war es das nächste Kapitel in seiner äußerst turbulenten Wintergeschichte. Im Dezember hatte sich der zuvor als «Kleinschanzen-Karle» bekannte Allgäuer im slowenischen Planica zum Skiflug-Weltmeister gekrönt. Kurz darauf kam seine Tochter Luisa zur Welt, dann musste er wegen eines positiven Corona-Tests in Quarantäne.

Gerade noch rechtzeitig zur Vierschanzentournee durfte Geiger die Isolation wieder verlassen – und siegte ausgerechnet auf der Großschanze in Oberstdorf. Nach durchwachsenen Wochen im Weltcup und dem Tiefpunkt in Klingenthal, als er zweimal den zweiten Durchgang verpasste, war er pünktlich zum großen Highlight nun wieder in Topform.

Geiger kennt die Anlage wie kaum ein anderer im Springerfeld. «Weil sie keine einfache Schanze ist» und «Fehler unglaublich aufdeckt», trainiert er dort gerne. «Die kleine Schanze liegt mir mehr», sagte Geiger zuletzt noch. Am Samstag konnte man eindrucksvoll sehen, was er damit meinte. Größere Fehler hatte die Schanze bei ihm nicht aufzudecken.

Als zweitbester Deutscher belegte Pius Paschke den elften Platz. Mitfavorit Eisenbichler sprang auf Rang 17. Bei der WM in Tirol hatte «Eisei» vor zwei Jahren WM-Titel von der Großschanze, im Team, und mit dem Mixed-Team geholt. Am Samstag konnte er sich mit Geiger freuen – seinem Zimmerkollegen in Nicht-Corona-Zeiten.

Vor coronabedingt mit Pappfiguren besetzten Rängen boten die Flugkünstler eine packende Sprung-Show der Extraklasse. Zur Halbzeit lag Eisenbichler als 14. umgerechnet nur viereinhalb Meter hinter dem erstplatzierten Zyla. Aus dem deutschen Quartett war Geiger als Vierter nur wenige Zentimeter hinter Bronze am besten im Rennen und nutzte seine Ausgangsposition famos. Auch Paschke auf Platz sechs war in Schlagdistanz. Das Finale wurde zum Nervenspiel, bei dem sich am Ende Zyla vor Freude im Schnee wälzte.

Am Sonntag sind die besten deutschen Springer direkt wieder gefordert. Im Mixed-Team geht das Quartett des Deutschen Skiverbandes als Titelverteidiger an den Start. Top-Favoriten sind die DSV-Adler ab 17.00 Uhr (ARD und Eurosport) auch nach Geigers Erfolg diesmal nicht. Dafür waren Eisenbichler, Katharina Althaus und Anna Rupprecht zuletzt zu weit von der absoluten Weltspitze weg. Geiger gab dennoch schonmal die Party-Devise aus: «Gescheit gefeiert wird nach dem Mixed», sagte er. «Aber heute Abend gibt es auch ein Bier.»

Bevor die Springer mit ihrem Wettbewerb dran sind, haben am Sonntagnachmittag die Nordischen Kombinierer mit der Mannschaft große Medaillenchancen (10.00 Uhr und 15.00 Uhr/ARD und Eurosport), die Langläufer im Teamsprint eher nicht (Finals ab 13.00 Uhr/ARD und Eurosport 2).

Von Thomas Eßer und Patrick Reichardt, dpa

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