Die Russin Kamila Walijewa verpasste eine Einzel-Medaille. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Peter Kneffel/dpa)

Kamila Walijewa bedeckte die Augen mit ihren roten Handschuhen. Die 15 Jahre alte Eiskunstlauf-Europameisterin aus Russland kämpfte nach ihrer verpatzten Kür gegen die Tränen an.

Als das Wunderkind am Donnerstag vom Eis glitt, war klar, dass es nichts geworden war mit dem erhofften und ersehnten Olympiasieg. Von ihrer Trainerin gab es nach dem tagelangen Wirbel um Walijewas positive Dopingprobe keinen Trost, sondern harsche und verstörende Worte.

«Warum hast du alles so aus den Händen gegeben? Warum hast du aufgehört zu kämpfen? Erklär mir das! Nach dem Axel hast du es aus den Händen gegeben», sagte die in den vergangenen Tagen heftig in die Kritik geratene Trainerin Eteri Tutberidse, wie auf Videos zu hören ist. Walijewas Auftritt fehlte nach all dem Wirbel der vergangenen Tage der Zauber. Sie patzte bei ihren Sprüngen und zeigte Nerven. Sie wirkte verunsichert. Doch statt sie zu trösten, empfing Tutberidse ihre Musterschülerin kühl und nahm sie auch nicht in den Arm.

Sturz zu den Klängen des «Bolero»

Ihre Führung aus dem Kurzprogramm konnte Walijewa nach der tagelangen Aufregung um ihr Dopingvergehen nicht verteidigen. Sie rutschte im Damen-Einzel noch auf Platz vier ab und blieb damit ohne Medaille. Gold ging mit 255,95 Punkten an die russische Weltmeisterin Anna Schtscherbakowa. Silber sicherte sich deren Teamkollegin Alexandra Trusowa, Bronze ging an die Japanerin Kaori Sakamoto.

Walijewa dagegen stürzte zu den Klängen des «Bolero» von Maurice Ravel beim Vierfach-Salchow und auch der Vierfach-Toeloop gelang nicht ganz. «Sie war ein Schatten ihrer selbst, als sie hier rausgegangen ist. Sie konnte nicht gewinnen in diesem ganzen Spiel. Das, was jetzt passiert ist, ist das Allerschlimmste, sie ist daran zerbrochen», sagte die ehemalige Eiskunstläuferin und heutige ARD-Expertin Katarina Witt und musste sich Tränen aus den Augen wischen. «Man hat sie jetzt wirklich der Welt zum Fraß vorgeworfen. Irgendjemand Verantwortungsvolles hätte sie rausnehmen müssen, bevor überhaupt dieser Tsunami losging», sagte Witt und äußerte die Hoffnung, dass sie «das übersteht und dass sie wiederkommt».

Während Walijewa erst einmal in den Katakomben des Capital Indoor Stadiums verschwand und zunächst keine Interviews gab, postierten sich die Medaillengewinnerinnen zu einer kleinen Siegerzeremonie auf dem Eis. «Ich bin überwältigt, fühle aber auch eine Leere in mir», sagte Schtscherbakowa, posierte stolz mit Maskottchen und ließ sich mit der Fahne des Russischen Olympischen Komitees um die Schultern fotografieren. Über ihre geschlagene Kontrahentin Walijewa sagte die neue Olympiasiegerin: «Ich habe gleich gesehen, dass es bei ihr nicht gut läuft. Ich weiß, wie es ist, wenn so etwas passiert.» Die Frage, ob Walijewa fair behandelt worden sei, wollte sie nicht beantworten.

«Zerstörung eines Kindes»

Die Reaktionen in Russland fielen jedoch eindeutig aus. Der bekannte russische Trainer Alexander Schulin sprach von einer «Tragödie. Das, was sie getan haben, ist die Zerstörung eines Kindes, eines Menschen. So verloren habe ich Kamila noch nie gesehen.» Startrainerin Tatjana Tarassowa sagte «Sport Express»: «Es ist sehr schade. Ich habe keine Worte. Sie haben sie geschlagen, geschlagen – und getötet.»

Mit diesem Ergebnis ist auch klar, dass es auch noch eine offizielle Medaillenzeremonie für die ersten drei geben wird. Das IOC hatte beschlossen, dass es für den Fall eines weiteren Medaillengewinns von Walijewa in Peking vorerst keine Siegerehrung geben wird. Das Internationale Olympische Komitee hatte angekündigt, dass das Ergebnis als vorläufig angesehen und mit einem Sternchen versehen wird. Hintergrund ist der positive Dopingtest Walijewas, die zuvor auch das russische Team zu Gold in Peking geführt hatte.

Das Dopingvergehen aus dem Dezember war erst nach dem Team-Finale bekannt geworden. Die Medaillenübergabe für die Mannschaften wurde abgesagt. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hatte in einem Eilverfahren erlaubt, dass Walijewa im Damen-Einzel teilnehmen dürfe. In der Hauptsache ist in dem Fall noch nicht entschieden.

Schtscherbakowa mit Top-Kür

Schtscherbakowa zeigte eine fabelhafte Kür, in der die Balancen Technik und künstlerische Gestaltung zu einem wundervollen Ganzen wurde. Obwohl sie nur zwei Vierfache zeigte, verdiente sie sich Gold. Sprungwunder Trusowa zeigte zwar das schwierigste Technik-Programm der Damen bei Olympischen Spielen mit fünf vierfachen gestandenen Sprüngen – all dies aber auf Kosten der Eiskunst und Ausdrucksstärke.

Nicht optimal lief es für die deutsche Meisterin Nicole Schott. Die 25-Jährige aus Essen fiel von Rang 14 nach dem Kurzprogramm noch auf den 17. Platz zurück. «Es hätte besser laufen können, aber ob man Vierzehnter oder Achtzehnter wird, juckt doch keinen», sagte sie.

Im Fall Walijewa gibt es nun auch ohne Olympia-Medaille im Einzel viel aufzuklären: angefangen bei der großen Verzögerung der Übermittlung des positiven Tests auf das Herzmittel Trimetazidin im Dezember 2021 an die Rusada über die Aufhebung der vorläufigen Suspendierung bis zur Frage: Warum hat die junge Spitzenathletin die verbotene Substanz genommen oder bekommen? Was ist mit der Erklärung, dass durch das Trinken aus einem Glas des herzkranken Opas das Trimetazidin unwissentlich in ihren Körper gekommen sein könnte? Ob der Fall bis zu den Weltmeisterschaften vom 21. bis 27. März in Montpellier abgeschlossen sein wird, ist wenig wahrscheinlich.

Von Andreas Schirmer, Hannah Wagner und Wolfgang Müller, dpa

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