Kam als einer von mehreren Fahrern in Kitzbühel zu Fall: Urs Kryenbühl. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Helmut Fohringer/APA/dpa)

Als die Ärzte den schlimm gestürzten Urs Kryenbühl noch im Ziel von Kitzbühel versorgten, war Ryan Cochran-Siegle schon mit dem Rettungshubschrauber weggeflogen worden.

Die berüchtigte Streif hat auch 2021 für schwere Stürze gesorgt und das sportliche Ergebnis samt dem starken fünften Platz von Andreas Sander etwas in den Hintergrund gerückt. Der Schweizer Abfahrer Kryenbühl war beim Zielsprung mit dem Kopf auf die Piste gekracht, US-Profi Cochran-Siegle hatte bei seinem Unfall gar ein Fangnetz durchbrochen.

Normalerweise blicken bei der spektakulärsten Schussfahrt im alpinen Ski-Weltcup bis zu 50.000 Fans mit einem Mix aus Schaudern und Begeisterung den Berg hoch. Zuschauer sind wegen Corona 2021 nicht zugelassen. Das Drama auf der Streif aber blieb auch bei diesem Rennen, in dem neben Sander (+0,95 Sekunden) auch Romed Baumann als Achter (+1,51), Dominik Schwaiger als Zwölfter (+1,81) und einen Rang dahinter Josef Ferstl (+1,88) überzeugten, nicht aus.

Vor allem Kryenbühls Sturz schockte die Anwesenden und TV-Zuschauer. Der 26-Jährige hatte beim Zielsprung mit fast 150 Stundenkilometern das Gleichgewicht verloren und war mit dem Kopf auf die Piste aufgeschlagen. Die Ski des Eidgenossen zerbarsten. Der Unfall erinnerte schmerzlich an den Sturz von Landsmann Daniel Albrecht 2009 an derselben Stelle, der ein Schädel-Hirn-Trauma und drei Wochen Koma zur Folge hatte; Albrecht kam nie wieder zu alter Stärke zurück.

Swiss Ski teilte mit, dass sich Kryenbühl laut einer ersten Untersuchung eine Gehirnerschütterung, einen Bruch des rechten Schlüsselbeines sowie einen Riss des Kreuz- und Innenbandes im rechten Knie zugezogen hat. Er bleibe über Nacht im Krankenhaus.

«Das darf nicht passieren. Der Sprung muss weg, aber leider lernt man nicht aus der Vergangenheit», sagte Urs Lehmann, Abfahrtsweltmeister von 1993 und Präsident von Swiss Ski, bei Eurosport.de. Er habe Renndirektor Hannes Trinkl gesagt, «dass er aus meiner Sicht den Zielsprung rausnehmen oder zumindest stark entschärfen sollte».

«Der Sprung geht einfach zu weit», schimpfte Sieger Beat Feuz, der seinen ersten Erfolg nach vier zweiten Plätze bei der wichtigsten Abfahrt im Weltcup nur eingeschränkt genießen konnte. Er gewann vor Matthias Mayer aus Österreich und dem Südtiroler Dominik Paris. «Der Sprung ist schon seit drei Tagen ein Thema. Ich bin 60, 70 Meter raus gesegelt» sagte Feuz im ORF und ergänzte: «Das muss nicht sein.»

Auch deutsche Starter hatte Probleme bei der umstrittenen Stelle. Ferstl konnte sich nach einem viel zu weiten Sprung nur mit Mühe auf den Beinen halten. «Ich habe in der Luft gemerkt: Habe die Ehre, der geht weit!», erzählte der Oberbayer. «Ich habe gewusst, ich muss kompakt bleiben, die Spannung halten, sonst scheppert’s.»

«Es war am Limit», räumte Emmanuel Couder vom Weltverband Fis ein. Schon der Unfall von Podiumskandidat Cochran-Siegle war extrem. Der US-Profi verlor kurz vor dem Ziel in der berüchtigten Traverse die Kontrolle über die Ski und krachte mit voller Geschwindigkeit in ein Fangnetz. Durch den wuchtigen Aufprall – Cochran-Siegle drückte es kopfüber mit dem Rücken und den Nacken in die Begrenzung – durchbrach er das Netz und blieb dahinter liegen. Über den Jury-Funk wurde mitgeteilt, dass der 28-Jährige Schmerzen an der Schulter habe.

Sportlich konnten die DSV-Asse happy sein. «Ich bin sehr zufrieden mit meinem Lauf», sagte Sander, der das beste Ergebnis seiner Karriere im Weltcup egalisierte und weder in Kitzbühel noch bei einer Abfahrt je so weit vorne gelandet war. «Ich habe schon lange nicht mehr ein so gutes Körpergefühl gehabt wie heute. Da kam die nötige Anspannung mit der gewissen Gelassenheit zusammen.»

Auch Baumann, der nur wenige Kilometer von Kitzbühel entfernt geboren und aufgewachsen ist, resümierte: «Das Feuer war auf jeden Fall da. Mit der Art und Weise, wie ich in das Rennen gegangen bin, war ich sehr zufrieden. Ich war richtig heiß.» Am Samstag (11.30 Uhr) steht auf der Streif gleich die nächste Abfahrt an. Dann wollen die Deutschen noch weiter nach vorn – und von Stürzen verschont bleiben.

Von Manuel Schwarz, dpa

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