Linus Straßer feierte in Kitzbühel den größten Erfolg seiner Karriere. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Marco Trovati/AP/dpa)

Thomas Dreßen sagte auf den Schultern der Kollegen Servus, Linus Straßer raste im Slalom zum größten Erfolg seiner Karriere. An einem atemberaubenden Ski-Wochenende von Kitzbühel haben zwei deutsche Sportler für emotionale Höhepunkte gesorgt und selbst den Terminator verblüfft.

Vor den Augen von zigtausenden Fans, Freunden, Verwandten und Arnold Schwarzenegger war Straßer nicht zu schlagen. Mit Tränen in den Augen kniete er nach dem Erfolg im Schnee des berühmten Ganslernhangs, wo er einst als Kind Skifahren lernte und nun endlich jubeln durfte.

«Ich fahre gerade saugut Ski», sagte der 31-Jährige nach seinem Coup. «Mein Ziel war, eine Gams mit heimzunehmen.» Die begehrte Kitzbühel-Trophäe fehlte dem Athleten des TSV 1860 München noch – anders als Teamkamerad Dreßen, der 2018 auf der Streif-Abfahrt gewonnen hatte und nun seinen Abschied gab. Einen Tag nach dem emotionalen Lebewohl war Dreßen als Edelfan im Stadion und freute sich mit Straßer. «Ja Wahnsinn, dass der Linus das so runtergedrückt hat», sagte Dreßen und räumte ein: «Ich war viel nervöser als ich jemals bei mir war.»

«Balsam auf jede Wunde»

Mit einem phänomenalen zweiten Durchgang kämpfte sich Straßer noch vom vierten auf den ersten Platz vor. Er verwies den Halbzeit-Führenden Kristoffer Jakobsen aus Schweden (+0,14 Sekunden) und den Schweizer Daniel Yule (+0,20) auf die weiteren Plätze. Vor den Augen seiner Frau und kleinen Tochter sicherte sich der Familienvater den dritten Weltcup-Sieg im Slalom. Es war sein mit Abstand wichtigster – der bis dato letzte deutsche Torlauf-Champion von Kitzbühel war Felix Neureuther 2014 gewesen.

Für die in diesem Winter enttäuschenden deutschen Männer war Straßers Erfolg enorm wichtig. Alpin-Chef Wolfgang Maier fiel ein Stein vom Herzen. «Du brauchst ab und zu ein Lebenszeichen, und wenn du den Kitzbühel-Slalom gewinnst, dann ist das DER Slalom, und das hilft dem ganzen Team ein bisschen», sagte er. «Wir haben wirklich Prügel bekommen in der letzten Zeit. Das ist Balsam auf jede Wunde. Für uns ist ein Traum, dass wir hier wieder einen Sieger haben.»

Schampus-Dusche für Dreßen

Ähnlich euphorisch war das DSV-Team auch 2018, als Dreßen die Abfahrt gewonnen hatte und in der Königsdisziplin in die Weltspitze gefahren war. Von dort sind die Deutschen aktuell zwar weit entfernt, stattdessen verblüfft Cyprien Sarrazin aus Frankreich als diesjähriger Streif-Doppelchampion die Szene. Aber auf den Schultern getragen und von 45.000 Fans bejubelt wurde am Samstag zum Hahnenkamm-Höhepunkt auch Dreßen.

«Das war der perfekte Tag für mich», sagte Dreßen nach der Abschiedsfahrt, für die es eine kleine Schampus-Dusche im Zielauslauf gab. In die Höhe gehoben von den Routiniers Romed Baumann und Dominik Paris genoss der Oberbayer noch einmal den Applaus und die Ovationen, unter anderem von Hollywood-Star Schwarzenegger. «Das war einfach geil.»

Auf den Tag genau sechs Jahre nach seinem Triumph auf der Streif beendete Dreßen am Samstag das Kapitel Skirennsport. Nach vielen Verletzungen und Operationen war ein noch längeres Quälen und Schinden für den 30-Jährigen nicht mehr vernünftig. Hadern wollte der Sportler des SC Mittenwald im Tiroler Ski-Mekka bei strahlendem Sonnenschein aber nicht.

Freudentränen statt Hadern

«Es überwiegt die Freude», sagte er. «Für mich war immer klar, dass ich noch mal eine schöne Fahrt und Spaß haben will. Es ist mir genauso aufgegangen, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe nicht gedacht, dass es so intensiv ist.» Ein paar Freudentränen waren in Dreßens Augen zu erkennen, noch im Ziel fiel er Freunden und Verwandten um den Hals.

Mit Frau Birgit und Töchterchen Elena gab es dann noch Erinnerungsfotos auf dem roten Siegersessel, den der Oberbayer nach seinem Kitzbühel-Coup 2018 noch bei vier weiteren Rennen besteigen durfte. Kein Deutscher hat mehr Weltcup-Abfahrten gewonnen als Dreßen – die Lücke, die er hinterlässt, ist groß. Bei den beiden Abfahrten am Hahnenkamm sprang kein Top-Ten-Ergebnis für den Deutschen Skiverband (DSV) heraus.

In Garmisch als Ski-Rentner

Dreßen freut sich nun auf die Freizeit daheim mit seiner kleinen Familie. «Ich habe überhaupt keinen Plan, was ich jetzt tun werde», kündigte er an. Beim Heim-Weltcup am nächsten Wochenende in Garmisch-Partenkirchen mit den zwei Super-G wird er erstmals als Ski-Pensionär vorbeischauen.

Die Ski-Welt freut sich dann auf den nächsten Auftritt des französischen Überfliegers Sarrazin, der mit seinem Doppelsieg von Kitzbühel verblüffte und sogar den vermeintlich unschlagbaren Weltcup-Dominator Marco Odermatt um fast eine Sekunde distanzierte. Der Schweizer erwies sich als fairer Verlierer: Gemeinsam – und mit freien Oberkörpern – feierten die zwei Topathleten am Samstagabend in einem Kitzbüheler Pub.

Sarrazins Mondlandung

«Er ist auf dem Mond gelaufen», titelte die französische Sportzeitung «L’Équipe» nach Sarrazins atemberaubender Fabelfahrt in Anlehnung an die Mondlandung von Neil Armstrong. «Skifahrerisch von einem anderen Planeten», sagte DSV-Athlet Andreas Sander.

Von Manuel Schwarz und Christoph Lother, dpa

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