Kira Weidle hat in der Abfahrt eine Medaille verpasst. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa)

Ihr lauter Frust-Schrei hallte durch die Zieleinfahrt am Xiaohaituo Mountain. Die deutsche Alpin-Hoffnung Kira Weidle versteckte ihre Enttäuschung über die verpasste Abfahrts-Medaille bei den Olympischen Winterspielen nicht.

Statt der erhofften grünen Eins leuchtete auf der Anzeigetafel im Zielraum die rote Vier auf. «Es ist so bitter. Die Enttäuschung ist erstmal groß», sagte die 25-Jährige nach ihrem geplatzten Traum und kämpfte mit den Tränen. Gerade mal 14 Hundertstelsekunden fehlten beim Sieg der Schweizerin Corinne Suter zum Edelmetall. Ihr Mittel, um Frust abzubauen? «Der Berg muss heute einfach mal einen Schrei aushalten.»

Auch die deutschen Ex-Skistars litten mit. «Was für ein Rennen. Kopf hoch, Kira!», schrieb Hilde Gerg, Slalom-Olympiasiegerin von 1998, bei Instagram. «Verdammt» fluchte Maria Höfl-Riesch, dreifache Goldmedaillen-Gewinnerin bei Winterspielen, in den sozialen Medien. «Wieder so knapp an der Medaille vorbei.» Schon Lena Dürr war in der vergangenen Woche im Slalom von Yanqing undankbare Vierte geworden.

Weltmeisterin auch Olympiasiegerin

Den Olympiasieg in der Königsdisziplin holte sich Weltmeisterin Suter mit 0,16 Sekunden Vorsprung vor der angeschlagenen Speed-Dominatorin Sofia Goggia. Dass die Italienerin wenige Wochen nach ihrem Sturz im Super-G von Cortina d’Ampezzo und der daraus resultierenden Knieverletzung überhaupt in China starten konnte, grenzte an ein Wunder. «Unglaublich» fand das auch die Amerikanerin Mikaela Shiffrin, die 18. wurde. Dritte wurde Goggias Landsfrau Nadia Delago.

Dabei schienen die Chancen auf einen Podest-Platz für Weidle selten so groß zu sein. Goggia war angeschlagen, in Breezy Johnson aus den USA fehlte eine weitere Favoritin verletzungsbedingt. Auch die Form der Deutschen sprach durchaus für sie: erst der zweite Platz zuletzt beim Weltcup in Zauchensee, dann die starken Trainingsleistungen auf der Olympia-Piste. «Aber Training ist Training. Rennen ist Rennen», hatte Weidle noch am Vortag gesagt. Sie sollte Recht behalten.

Schon in der ersten langen Linkskurve am Steilhang von Yanqing, eine der Schlüsselstellen, ließ die gebürtige Stuttgarterin wichtige Zeit liegen. «Das habe ich heute nicht gut erwischt. Es hat halt leider nicht perfekt funktioniert», resümierte Weidle, die dennoch über die technischen Abschnitte der Strecke hinweg auf Podestkurs geblieben war. Erst nach der letzten Zwischenzeit vergrößerte sich der Rückstand schlagartig. Am Ende betrug er 0,71 Sekunden auf Suter.

Enormer Druck auf Weidle

Der Druck auf Deutschlands beste Abfahrerin war wie schon die ganze Saison über immens. Seit WM-Silber vor einem Jahr waren die eigenen Erwartungen gestiegen – und die der Fans, Trainer und Sponsoren. «Alle Augen sind auf mich gerichtet, denn es gibt niemand anderen im deutschen Team», hatte Weidle ihre One-Woman-Show beschrieben. Nicht immer konnte sie diese Erwartungen erfüllen. Auch beim Saison-Höhepunkt nicht. Wenn auch nur denkbar knapp.

Den Alpinen des Deutschen Skiverbandes (DSV) droht damit wie schon bei den Spielen 2018 in Pyeongchang eine Nullrunde. «Ein Stück von mir ist für die Lena heute mitgefahren und dass es dann auch nochmal der vierte Platz wird, ist schon extrem hart», sagte Weidle auch mit Blick auf Dürrs Slalom-Krimi. Die Hoffnungen des DSV ruhen nun vor allem auf Linus Straßer, der im Slalom an diesem Mittwoch zu den Favoriten zählt. Und möglichst nicht das nächste Drama erleben soll.

Von Jordan Raza und Christoph Lother, dpa

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