Emma Aicher ist die größte deutsche Ski-Hoffnungsträgerin bei Olympia. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Michael Kappeler/dpa)

Natürlich würde sich Emma Aicher selbst nie als Medaillenfavoritin bei Olympia bezeichnen. Dafür ist die 22-Jährige öffentlich viel zu zurückhaltend. Sie wolle «einfach gut Skifahren», sagt sie meist, wenn sie nach Zielen, Ambitionen und Siegchancen gefragt wird. Nun hat die beste deutsche Alpin-Sportlerin in diesem Weltcup-Winter aber bereits eine Abfahrt und einen Super-G gewonnen und ist dreimal Slalom-Dritte geworden. Mit einer derartigen Form gehört man automatisch zum Anwärterkreis auf Edelmetall.

Werden diese Winterspiele mit den Frauenrennen in Cortina d’Ampezzo die große Bühne für Aicher? Teamkollege Linus Straßer sagte der «Süddeutschen Zeitung» angesprochen auf die deutschen Aussichten zum Saisonhöhepunkt, er «wette da sehr auf die Emma und unsere Frauen-Mannschaft».

Einmaliges Skigefühl

Bei vergangenen Großereignissen war oft Straßer der Hoffnungsträger – diesmal soll es vor allem die elf Jahre jüngere Allesfahrerin mit schwedischen Wurzeln richten. Auch wenn sich die Verantwortlichen davor hüten, öffentlich Druck auf die junge Athletin auszuüben. Sie soll weiter behutsam aufgebaut werden und so bestenfalls noch viele Winter lang für deutsche Erfolge sorgen.

Was Aicher vor allem in den Speed-Disziplinen Abfahrt und Super-G ausmacht, ist ein einmaliges Skigefühl. Sie fährt nicht die tiefste und vermeintlich aerodynamischste Hocke – im Gegenteil. Sie attackiert nicht bedingungslos die Tore. Sie weiß aber wie kaum eine andere, die zwei Bretter an ihren Füßen so in den Schnee zu drücken, dass sie Geschwindigkeit aufnehmen kann.

Kommt es zum Generationen-Duell zwischen Aicher und Vonn?

Frauen-Chefcoach Andreas Puelacher sagte jüngst, dass seine Top-Athletin vom skifahrerischen Gefühl her mit Lindsey Vonn zu vergleichen sei. Kommt es bei der Olympia-Abfahrt an diesem Sonntag (11.30 Uhr/ZDF und Eurosport) zum Generationen-Showdown zwischen Jungstar Aicher und Altmeisterin Vonn? Zweimal hat Aicher die Amerikanerin in diesem Winter schon bezwungen. Vonn riss sich eigenen Angaben zufolge in der vorigen Woche das Kreuzband, will aber dennoch starten und ein Happy End im Hollywood-Format feiern.

«Die Lindsey ist immer schnell, die kann man nicht abschreiben, wenn sie am Start steht», sagte Aicher der dpa vor dem ersten Training auf der ikonischen Strecke in den Dolomiten mit dem markanten Tofana-Schuss gleich zu Beginn. Auch Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann geht mit Ambitionen in das Rennen, schließlich ist sie 2021 auf just dieser Piste Vize-Weltmeisterin geworden. Und zuletzt zeigte die Formkurve der 29-Jährige auch wieder stark nach oben.

Die beiden Speed-Fahrerinnen bilden zusammen mit – der zuletzt kriselnden – Slalomspezialistin Lena Dürr und Jessica Hilzinger das kleine, aber feine deutsche Alpin-Team. Eine Medaille pro Geschlecht ist das Ziel des Deutschen Skiverbands (DSV), wie zuletzt schon öfter bei Großereignissen.

Aicher die einzige Allesfahrerin in der Weltspitze

Wobei sich die Verbandsbosse sicher nicht beschweren würden, falls die Frauen bei der Podestplatzvergabe mehrfach zuschlagen. Allein Aicher hat das Potenzial, in den Einzeldisziplinen Abfahrt, Super-G und Slalom vorne mitzufahren. Sie ist ein Unikum: Keine andere Skirennfahrerin in der Weltspitze bestreitet derzeit alle Disziplinen – selbst Mikaela Shiffrin (USA) als beste Alpin-Athletin der Gegenwart tritt in Cortina nur in zwei Einzelevents an.

Darüber hinaus steht bei diesen Winterspielen erstmals eine Team-Kombination an, in der eine Athletin eine Abfahrt und eine andere einen Slalom fährt – die Zeiten werden für die Endabrechnung dann addiert. Im deutschen Skiteam ist der scherzhafte Spruch zu hören, eigentlich müsste man Emma die Abfahrt und Aicher den Slalom fahren lassen. Das geht freilich nicht. In welcher Rolle die 22-Jährige am kommenden Dienstag dann aber antritt, das dürfte Chefcoach Puelacher tatsächlich ins Grübeln bringen: als Slalomfahrerin nach Weidle-Winkelmann oder als Abfahrerin zusammen im Team mit Dürr?

Auf die Frage, auf welche Disziplin Aicher in Cortina d’Ampezzo den Fokus legt, antwortete sie vor der Anreise nach Norditalien: «Ich fokussiere mich auf das Skifahren. Ich will einfach zeigen, was ich kann.» Ein typischer Aicher-Satz.

Spaß, Biss und Gefühl

Sie ist eine Spaß-Skifahrerin, das betont die Tochter einer Schwedin und eines Deutschen stets. Das heißt aber nicht, dass es ihr an Biss fehlt. Als sie im Nachtslalom von Flachau im zweiten Lauf ausschied, stapfte sie danach stinksauer durch den Zielbereich und weinte in einer Ecke heftig drauflos. Es schien, als würden die Tränen der Enttäuschung gar nicht mehr versiegen.

Coach Puelacher verriet jüngst, welche Frage ihm Aicher permanent stelle: «Andi, was muss ich machen, damit ich schneller werde?» Es ist diese Mischung aus Ehrgeiz, jugendlicher Unbekümmertheit und skifahrerischem Gefühl, die aus Emma Aicher eine Große machen könnte. Wer weiß, vielleicht sogar schon bei diesen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo.

Von Manuel Schwarz, dpa

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