Erstmals seit 2006 finden die Olympischen Winterspiele wieder in den Alpen statt. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Christoph Sator/dpa)

Konrad Renzler ist einer der wenigen, die in Cortina d’Ampezzo schon einmal dabei waren: Vor 70 Jahren, als die Olympischen Winterspiele zum ersten Mal in den italienischen Alpen ausgetragen wurden. 18 war der Südtiroler damals. Mit ein paar Freunden machte er sich frühmorgens im VW-Bus in seinem Heimatdorf Antholz auf den Weg. Renzler sah, wie die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft 0:8 gegen den späteren Olympiasieger UdSSR verlor. Weil das Geld nicht reichte für eine Übernachtung, ging es gleich danach wieder zurück.

Am Freitag nächster Woche ist es nun wieder so weit: In Cortina, das sich vom kleinen Bergdorf zur «Königin der Dolomiten» mit James-Bond-Vergangenheit gemausert hat, werden wieder Winterspiele eröffnet. Die 25. bereits, längst eine milliardenschwere Veranstaltung. Erstmals bei Olympia wird es offiziell zwei Gastgeberstädte geben: Cortina zusammen mit Mailand, Italiens Mode- und Finanzmetropole. Aus den 24 Wettbewerben im Jahr 1956 sind 116 geworden. Aus 820 Sportlerinnen und Sportlern mehr als 3.500.

Austragungsorte weit über Norditalien verstreut

Tatsächlich finden die Spiele nicht nur in Mailand und Cortina, sondern weit verstreut im Norden Italiens statt: zudem in Bormio, Livigno, Verona, im Val di Fiemme (Fleimstal) und auch in Antholz. Dort werden die Biathlon-Wettbewerbe ausgetragen. Renzler, inzwischen 88, ist in dem 3.000-Seelen-Ort immer noch zu Hause. Nur: Auf eine Eintrittskarte wartet der langjährige Bürgermeister bislang vergebens. Die Spiele sieht der alte Herr inzwischen sehr kritisch. Und damit steht er in Italien nicht allein.

«Vor 70 Jahren war alles noch klein und gemütlich», sagt Renzler in der «Südtirol-Arena», wie das Biathlonstadion jetzt heißt. «Heute ist das fast nur noch Kommerz. Weil die Leute nie genug bekommen.» Der Altbürgermeister gehört keineswegs zu denen, die die Vermarktung des Sportbetriebs rundum ablehnen. In seiner Amtszeit, zwischen 1969 und 1980, hat er selbst dazu beigetragen, dass Antholz international zu einer der ersten Adressen für Biathlon wurde. Inzwischen leben hier viele gut vom Tourismus.

Altbürgermeister: «Das IOC diktiert alles»

«Aber die nächsten Wochen hat von uns keiner mehr etwas zu sagen, weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) alles diktiert», meint Renzler. Das alte Stadion vor den 3.000 Meter hohen Gipfeln der Riesenferner-Gruppe, wo auch schon Weltmeisterschaften stattfanden, hätte nach allgemeiner Einschätzung ohne großen Aufwand olympia-tauglich gemacht werden können. Nun steht am Ende des Antholzer Tals ein untertunnelter Betonpalast für 58 Millionen Euro mit bombastischer Flutlichtanlage.

Für die neue Beschneiungsanlage wurde eben noch ein künstlicher See ausgehoben – obwohl Loipen und Schießstände auf 1.600 Metern Höhe eigentlich schneesicher sind. Renzler ist das alles zu viel geworden. «Wenn der Sport zur Religion wird und die Sportler zu Göttern, stimmt etwas nicht.» Die Vorsitzende von Südtirols Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Elisabeth Ladinser, sagt dazu: «Gott Mammon lässt grüßen.» 

Region Stockholm unterlag 2019 bei Bewerbung

Es gibt aber auch andere Stimmen. Gottfried Leitgeb zum Beispiel sieht man sofort an, dass er sich auf die Spiele freut. Auf dem Kopf trägt der 69-Jährige eine Skimütze mit den fünf olympischen Ringen, die ihm seine Frau handgestrickt hat. «Wir sind stolz darauf, auch wenn wir zwei Wochen lang nichts zu sagen haben werden. Das ist einmal im Leben. Viele hatten Angst, dass unser Tal mit Bettenburgen verbaut wird. Aber das ist nicht passiert.»

Im Unterschied zu Deutschland gab es vor der Bewerbung in Italien keine Abstimmungen, ob die Bevölkerung die Spiele haben will. Umfragen zufolge stand die Mehrheit dahinter. So setzte sich Mailand/Cortina 2019 gegen die Region Stockholm durch. Der heutige Bürgermeister von Antholz, Thomas Schuster, meint, dass eine klare Mehrheit Olympia befürwortet. «Aber es gibt auch eine größere Zahl an Leuten, die sagt: „Wir lassen das über uns ergehen.“»

Schlechte Erfahrungen nach Spielen von Turin

Als abschreckendes Beispiel gelten vielen in Italien die Spiele 2006 von Turin. Die eigens gebauten Schanzen für den Skisprung und die Bobbahn verrotten jetzt in den Bergen. Aus dem olympischen Dorf wurden Zweitwohnungen, die meist leer stehen. Mailand und Cortina gewannen auch mit dem Versprechen, für die «nachhaltigsten Spiele aller Zeiten» vorhandene Stätten zu nutzen. 

Trotzdem wurde vieles neu gebaut – unter anderem für die olympischen Dörfer in Mailand und Cortina, einen «Snowpark» in Livigno und neue Langlauf-Anlagen. Die Kosten belaufen sich nach offiziellen Angaben auf mehr als 3,5 Milliarden Euro. Im Gegenzug werden für Italien nach einer Prognose der Universitäten Venedig und Mailand positive Auswirkungen von 5,3 Milliarden Euro erwartet. Gerechnet wird mit zwei Millionen Besuchern sowie etwa drei Milliarden Zuschauern an den Bildschirmen weltweit.

Neue Eisbahn in Cortina für 120 Millionen Euro 

Den größten Ärger gab es, weil in Cortina allen Versprechen zum Trotz doch für 120 Millionen Euro eine neue Bahn für Bob, Rodeln und Skeleton hochgezogen wurde. Gegen die ausdrückliche Empfehlung des IOC setzte die Regierung in Rom den Bau durch. Zwischendurch war auch erwogen worden, mit den Wettbewerben auf vorhandene Eiskanäle in Deutschland oder Österreich auszuweichen – aber das ließ der Nationalstolz nicht zu. 

Für das neue «Sliding Center», das in Rekordzeit fertiggestellt wurde, gibt es nun viel Lob. Anderswo sind hingegen immer noch die Handwerker zugange. Die Zeitung «Corriere della Sera» schrieb eben noch: «Es scheint, als seien die Olympischen Spiele eher eine Betonwüste als ein Sportereignis. Überall Baustellen. Als wäre es September und nicht Januar.» Erfahrungsgemäß wird in Italien bei solchen Großveranstaltungen jedoch fast alles noch fertig.

Hoffnung auf Olympia-Stimmung wie in Paris

Für die Zukunft von Olympia im Winter wäre das eine gute Nachricht. Die vorigen drei Spiele – 2014 in Sotschi, 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking – sind aus unterschiedlichen Gründen nicht in besonders guter Erinnerung. Nur ein paar Tage nach Ende der mindestens 30 Milliarden Euro teuren Spiele in Russland begann Wladimir Putin auf der Krim seinen Krieg gegen die Ukraine. In Südkorea und China wurde deutlich, dass beide Länder keine große Wintersport-Historie haben. Zudem wurden die Spiele in Peking unter Corona-Bedingungen ausgetragen.

Jetzt aber kehren die Olympischen Winterspiele in die Alpen zurück, wo 1924 alles begann. Das gab es zuletzt vor zwei Jahrzehnten – eben bei den Spielen von Turin, über die man nicht mehr so gern spricht. Die Hoffnung ruht nun darauf, dass sich im Lauf der Wettbewerbe eine Olympia-Stimmung wie früher entwickelt – ähnlich wie bei den Sommerspielen 2024 in Paris, als anfangs große Skepsis herrschte und es schließlich viel Applaus gab.

Noch kümmert man sich in Mailand um andere Dinge

Im Moment allerdings ist von Begeisterung nicht viel zu spüren – weder in Antholz noch in Cortina und auch nicht in Mailand, wo am Freitag nächster Woche die zentrale Eröffnungsfeier stattfinden wird. In der 1,3-Millionen-Stadt sind die Leute noch mit anderen Dingen beschäftigt. Gerade erst ist die Modewoche vorbei. Im riesigen Olympia-«Megastore» vor dem Dom, wo bereits Souvenirs gekauft werden können, ist es noch ziemlich leer. 

Billig sind die Sachen hier nicht. Die beiden Maskottchen Tina und Milo kosten in einer mittelgroßen Plüschvariante 50 beziehungsweise 60 Euro. Im Angebot ist auch eine eigens entworfene «Retro-Daunenjacke» mit dem Logo der Winterspiele von Cortina 1956. Der Preis: 500 Euro. Gut, dass Konrad Renzler, der damals ja dabei war, davon nichts weiß.

Von Christoph Sator, dpa

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